OLG Frankfurt am Main Beschluss vom 03.12.1998 - 6 W 122/98 - Zur Anwendung deutschen Rechts und zum Verletzungserfolg einer englischsprachigen Webseite
 

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OLG Frankfurt am Main v. 03.12.1998: Zur Anwendung deutschen Rechts und zum Verletzungserfolg einer englischsprachigen Webseite

Das OLG Frankfurt am Main (Beschluss vom 03.12.1998 - 6 W 122/98) hat entschieden:
  1. Der Verletzungsort ist dort, wo der Verletzungserfolg eines Wettbewerbsverstoßes eintritt; das ist überall dort, wo eine Website bestimmungsgemäß aufgerufen werden kann.

  2. Deutsches Wettbewerbsrecht ist nur anwendbar, wenn das Angebot der beworbenen Leistung auf deutsche Verkehrskreise ausgerichtet ist. Enthält die Website einen Hinweis, daß nur in bestimmte Länder bzw nicht nach Deutschland geliefert wird, ist dies ein Indiz gegen eine solche Ausrichtung. Bloß interne Vertriebsbeschränkungen, die nicht sofort nach außen ersichtlich sind, reichen aber nicht aus. Eine weltweit ausgerichtete Website ist auch auf Deutschland ausgerichtet, wenn sie keine einschränkenden Hinweise enthält.

  3. Ein inländischer Begehungsort kommt auch bei einer englischsprachigen Webseite in Betracht, weil die englische Sprache die im Internet gebräuchliche Sprache ist.





Aus den Entscheidungsgründen:

"I

Mit Beschluß - einstweilige Verfügung - der 6. Zivilkammer vom 30.1.1995 wurde der Antragsgegnerin unter Androhung von Ordnungsmitteln untersagt, u.a. den Füllfederhalter ... in der Bundesrepublik Deutschland anzubieten, zu bewerben und/oder zu vertreiben. Der Antrag auf Erlaß einer einstweiligen Verfügung war auf das aus Bl. 34 f d.A. ersichtliche international registrierte Geschmacksmuster DM 015534 gestützt. Nachdem die Parteien am 8.1.1996 das aus der Anlage P 6 ersichtliche "Agreement" geschlossen hatten, das sich auf das Verfahren 3/8 O 21/95 bezog, an dem die Antragsgegnerin unstreitig nicht beteiligt war, gab die Antragsgegnerin die aus dem Schreiben vom 12.1.1998 ersichtlichen Erklärungen ab.

Im nachfolgenden weiteren einstweiligen Verfügungsverfahren 3/12 O 15/96 (6 U 172/96 OLG Frankfurt) hat die 12. Kammer für Handelssachen des Landgerichts Frankfurt am Main mit Urteil vom 28.6.1996 die Rechtsbeständigkeit des Geschmacksmusters DM 015534 verneint und auf dieses Geschmacksmuster gestützte Unterlassungsanträge zurückgewiesen. Die Berufung gegen dieses Urteil hat die Antragstellerin zurückgenommen.

Die Antragsgegnerin hat den Füllfederhalter ... unstreitig erneut auf den Messen Premiere 1996 und Premiere 1997 in Frankfurt am Main angeboten. Außerdem ist dieser Füllfederhalter Gegenstand ihres aus Bl. 121 und 125 d.A. ersichtlichen Angebots im Internet. Die Antragstellerin sieht hierin Verstöße gegen die einstweilige Verfügung vom 30.1.1995.

Die Antragstellerin hat im wesentlichen geltend gemacht, die Antragsgegnerin habe durch die dargelegten unstreitigen Handlungen gegen die einstweilige Verfügung aus dem Jahre 1995 verstoßen. Diese Beschlußverfügung sei von der Antragsgegnerin durch das Agreement, insbesondere durch das Schreiben vom 12.1.1998 ausdrücklich als endgültige Regelung anerkannt worden; daraus ergebe sich zugleich, daß die Verstöße schuldhaft begangen worden seien.

Die Antragstellerin hat beantragt,
gegen die Antragsgegnerin wegen schuldhafter Zuwiderhandlung gegen die Unterlassungsverpflichtung im Beschluß- einstweilige Verfügung - vom 30.1.1995 ein Ordnungsgeld, ersatzweise Ordnungshaft, festzusetzen.
Die Antragsgegnerin hat beantragt,
den Vollstreckungsantrag zurückzuweisen.
Die Antragsgegnerin hat im wesentlichen vorgetragen, sie habe nach der Verneinung der Rechtsbeständigkeit des Klagemusters im Verfahren 3/12 O 15/96 davon ausgehen dürfen, den umstrittenen Füllfederhalter wieder vertreiben zu dürfen. Nur um den Streitigkeiten um den Füllfederhalter ... ein Ende zu machen, habe sie unter dem 12.1.1998 die Erklärung abgegeben, die Regelung in der Beschlußverfügung künftig als endgültige Regelung anzuerkennen. Auf das Agreement komme es nicht mehr an. Selbst wenn es sich auf die Beschlußverfügung des vorliegenden Verfahrens beziehen sollte, sei ihm mit dem Urteil vom 28.6.1996 die Grundlage entzogen. Die Verhängung eines Ordnungsgeldes wegen des Angebots auf der Premiere 1996 sei wegen Verjährung nicht mehr möglich; das Anbieten des Füllers auf der Premiere 1997 sei mangels Verschulden kein Verstoß gegen die Unterlassungsverfügung; das Angebot im Internet sei kein Angebot auf dem deutschen Markt, es fehle an einem inländischen Begehungsort. Zudem sei sichergestellt, daß aufgrund von Bestellungen im Internet keine Auslieferungen nach Deutschland erfolgten.

Mit Beschluß vom 23.6.1998 hat das Landgericht den Vollstreckungsantrag zurückgewiesen. Hiergegen richtet sich die sofortige Beschwerde der Antragstellerin.

II

1. Die zulässige Beschwerde ist unbegründet, soweit sie sich gegen die Zurückweisung des Vollstreckungsantrags wegen des Angebots des Füllfederhalters auf der Premiere 1996 richtet. Das Landgericht hat zutreffend erkannt, daß dieser Verstoß verjährt ist (Art. 9 Abs. 1 EGStGB). Darauf, daß die Angebote auf den jährlichen Ausstellungen der Premiere in Fortsetzungszusammenhang stünden, kann sich die Antragstellerin nicht berufen. Zwar hat der Senat wegen der eigenständigen Bedeutung des Fortsetzungszusammenhangs in Verfahren nach § 890 ZPO an dieser Rechtsfigur trotz der geänderten Rechtsprechung in Strafsachen festgehalten (Senat WRP 1995, 647 = NJW 1995, 2567; vgl. auch Zöller, ZPO 20. Aufl., § 890 ZPO Rdn. 20 m.w.Nachw.). Im Streitfall stehen die anläßlich der Messen begangenen Verstöße aber schon deshalb nicht in einem Fortsetzungszusammenhang, weil die auf den Messen auszustellenden Kollektionen jeweils neu zusammengestellt werden, so daß angesichts der zahlreichen zwischen den Parteien geführten Auseinandersetzungen jeweils erneut darüber zu entscheiden war, ob der von der Beschlußverfügung erfaßte Füllfederhalter ausgestellt werden sollte und konnte. Das schließt einen einheitlichen Vorsatz, der lediglich durch eine Reihe gleichartiger Handlungen verwirklicht wird, aus. Der mit dem Vollstreckungsantrag geltend gemachte Verstoß gegen die Beschlußverfügung ist daher verjährt.

2. Mit der Ausstellung des umstrittenen Füllfederhalters auf der Premiere 1997 hat die Antragsgegnerin dagegen gegen die Beschlußverfügung verstoßen. Dabei ist unstreitig, daß der in der Beschlußverfügung bezeichnete Füllfederhalter ... ausgestellt worden ist, die Antragsgegnerin bestreitet lediglich, daß der Verstoß schuldhaft erfolgt sei.

Wie die Antragstellerin zutreffend geltend macht, erfolgte der Verstoß gegen die Beschlußverfügung des Landgerichts schuldhaft. Denn der Antragsgegnerin war und ist bewußt, daß die Beschlußverfügung bis heute unangefochten Bestand hat. Dies ergibt sich nicht zuletzt aus ihrem Schreiben vom 12.1.1998, mit der sie die Regelung der einstweiligen Verfügung des Landgerichts als endgültige Regelung insbesondere im Hinblick auf den hier streitgegenständlichen Füllfederhalter anerkannt hat. Der Antragsgegnerin ist zwar zuzugeben, daß sie im Verfahren 3/12 O 15/96 gehofft haben mag, mit ihrer Rechtsansicht durchdringen zu können, derzufolge dem Klagemuster die Bestandskraft abgesprochen werden müsse, wie dies mit Urteil des Landgerichts vom 28.6. 1996 in diesem Verfahren auch geschehen ist. Daraus konnte die Antragsgegnerin aber allenfalls den Schluß ziehen, daß die gegen sie im vorliegenden Verfahren ergangene einstweilige Verfügung auf Widerspruch hätte aufgehoben und das Eilbegehren zurückgewiesen werden können. Solange die Antragsgegnerin einen solchen Rechtsbehelf nicht eingelegt hatte, was bis heute nicht geschehen ist, konnte sie aber keinem Irrtum darüber unterliegen, daß der Titel möglicherweise nicht mehr bestehen könnte. Gegenstand des Vollstreckungsverfahrens nach § 890 ZPO ist dieser Titelverstoß, nicht dagegen die Frage, ob mit dem weiteren Angebot des Füllfederhalters gegen materielles Geschmacksmusterrecht verstoßen wird. Daß sich die Antragsgegnerin über den formellen Fortbestand des gegen sie ergangenen Titels geirrt hätte, macht diese selbst nicht geltend, zumal sie in anderen Eilverfahren Widerspruch eingelegt hat und deshalb wußte, daß ein im Eilverfahren ergehender Titel Bestand hat, bis er auf Widerspruch aufgehoben ist. Daraus folgt, daß der Antragsgegnerin durchaus bewußt war, daß der Titel gegen sie nach wie vor Bestand hatte und sie sich bewußt über den Titel hinweggesetzt hat. Ein Verbotsirrtum lag damit ersichtlich nicht vor.

3. Darüber hinaus hat die Antragsgegnerin auch durch die Werbung und das Angebot des Füllfederhalters im Internet gegen die Beschlußverfügung der Kammer verstoßen.

Wie die Antragsgegnerin nicht bestreitet, handelt es sich bei ihrer Internetseite um eine Webseite mit Vertriebsfunktion. Mit Rücksicht darauf stellt das Angebot auf der Homepage einen Verstoß gegen das gerichtliche Verbot dar, den Füllfederhalter zu bewerben und/oder anzubieten, denn Angebot und Werbung sind unter den Umständen des Streitfalls auch in der Bundesrepublik Deutschland und für den deutschen Markt erfolgt. Insoweit ist zunächst allgemein anerkannt, daß für den Ort der deliktischen Handlung bei Angeboten im Internet nicht auf den Ort abzustellen ist, an der die reale Einrichtung einer Homepage erfolgt oder an dem der Server steht, sondern als Begehungsort grundsätzlich jeder Ort in Betracht kommt, an dem die Homepage bestimmungsgemäß abgerufen werden kann und eine Interessenkollision bewirkt. Das ist im Lauterkeitsrecht der Ort, an dem die wettbewerbliche Interessenkollision eintritt (vgl. Rüßmann, K&R 1998, 422 ff, 425), im Recht der Immaterialgüterrechte der Ort, an dem das Immaterialgüterrecht besteht und verletzt wird.

Da die Homepage der Antragsgegnerin, die auf ihren Web-Seiten Detailangaben für die Bestellung der einzelnen Schreibgeräte sowie unter dem Stichwort "Main Export Markets:" die Angabe "Worldwide" macht, unstreitig von Deutschland aus abgerufen werden kann, handelt es sich bei dem Internet-Angebot der Beklagten jedenfalls angesichts der Umstände, unter denen das Angebot erfolgt ist, um ein Anbieten und Bewerben des Füllfederhalters auch in Deutschland. Dem steht nicht entgegen, daß die Homepage in englischer und nicht in deutscher Sprache abgefaßt ist, denn die englische Sprache ist die im www gebräuchliche Sprache. Der angebotene Füllfederhalter ist weltweit verwendbar, so daß die Art des beworbenen Gegenstandes nicht der Annahme entgegensteht, daß die Werbung und das Angebot weltweit intendiert sind und vom angesprochenen Verkehr als ein weltweites und damit auch auf Deutschland bezogenes Angebot verstanden werden können. Hinzu kommt, daß die Antragsgegnerin den Füllfederhalter nicht nur im Internet angeboten, sondern von 1995 an regelmäßig anläßlich der Frankfurter Premierenmessen präsentiert hat. Auch dieser Umstand belegt, daß sich das Angebot der Antragsgegnerin im Internet auch an die deutschen Verkehrskreise richtet und von diesen - mangels irgendeines erkennbaren Liefervorbehalts oder einer Beschränkung hinsichtlich des Lieferlandes - nicht lediglich als ein den inländischen Markt nicht erfassendes weiteres Anbieten und Bewerben des Füllfederhalters in einem neuen Medium verstanden wird.

Soweit die Antragsgegnerin geltend macht, durch interne Anweisung sichergestellt zu haben, daß Bestellungen aus Deutschland nicht zur Auslieferung kommen, ist dies unerheblich, da der Antragsgegnerin nicht nur der Vertrieb, sondern auch das Anbieten des Füllfederhalters und die Werbung für den Füllfederhalter in Deutschland durch die Beschlußverfügung untersagt worden sind. Der Antragsgegnerin ist zwar zuzugeben, daß im Hinblick auf die Besonderheiten von Angeboten im Internet die Reichweite nationaler gerichtlicher Titel problematisch ist (dazu Wegner, CR 1998, 676 ff, 682). Im Streitfall ist aber zu berücksichtigen, daß die Antragsgegnerin - wie bereits angesprochen - den Füller in ihrer auf den Vertrieb ihres Produktionsprogramms gerichteten Homepage vorbehaltlos angeboten hat, also auf der Homepage keinerlei Hinweis darauf angebracht hat, daß von dem Angebot des ... die Bundesrepublik Deutschland ausgenommen ist und Bestellungen aus Deutschland weder entgegengenommen noch ausgeführt werden. Allein der Umstand, daß die Antragsgegnerin nach ihren Behauptungen betriebsintern die Weisung erteilt haben will, Bestellungen des Füllfederhalters aus Deutschland nicht entgegenzunehmen und Auslieferungen nach Deutschland nicht auszuführen, führt daher nicht dazu, daß sich die Antragsgegnerin titelkonform verhalten hat. Die Antragsgegnerin mag mit der behaupteten Anweisung einen Verstoß gegen das Verbot, den umstrittenen Füllfederhalter in der Bundesrepublik zu vertreiben, verhindert haben; darauf beschränkt sich der Titel aber nicht.

4. Da die Antragsgegnerin in zwei Fällen schuldhaft gegen die einstweilige Verfügung verstoßen hat, hält der Senat ein Ordnungsgeld in Höhe von 10.000,- DM für erforderlich, aber auch für ausreichend, um die Antragsgegnerin zur künftigen Beachtung des gegen sie ergangenen Titels anzuhalten. ..."









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